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03.11.2026 7

DIE PRAKTIKEN DER SUFI-ORDEN IN DER ISLAMISCHEN WELT – FURKAN BIN ABDULLAH

DIE PRAKTIKEN DER SUFI-ORDEN IN DER ISLAMISCHEN WELT – FURKAN BIN ABDULLAH

DIE PRAKTIKEN DER SUFI-ORDEN IN DER ISLAMISCHEN WELT – FURKAN BIN ABDULLAH
 

Wenn im Westen vom Sufismus gesprochen wird, denken viele zuerst an Derwische in weißen Gewändern, die sich im Kreis drehen. Doch dieses Bild zeigt nur einen kleinen Ausschnitt einer vielfältigen Tradition.

In der islamischen Welt begegnen uns sehr unterschiedliche Formen spiritueller Schulungen. Gemeinschaften, in denen Dichtung und Gesang eine wichtige Rolle spielen, und andere, die solche Praktiken ablehnen. Manche pflegen das hörbare Gottesgedenken, andere bevorzugen die Stille. Einige betonen den Rückzug, andere die Verantwortung im alltäglichen Leben. Wieder andere beschäftigen sich mit inneren Wahrnehmungen, mit Lichtern, Farben und Bildern. All diese Wege werden dem Sufismus zugerechnet.

Wie lassen sich diese weitreichenden Unterschiede erklären?

Um das zu verstehen, müssen wir in eine Zeit zurückkehren, in der es bereits Sufis gab, jedoch noch keine Sufi-Orden in ihrer späteren, institutionalisierten Form.

 

01. Die Sufis vor der Entstehung der Orden

Rābiʿa al-ʿAdawiyya lebte im 8. Jahrhundert in Basra im heutigen Irak. Sie gehört zu den bekanntesten Frauen der frühen islamischen Spiritualität. Im Mittelpunkt der ihr zugeschriebenen Lehren steht die aufrichtige Liebe zu Allah. Der Mensch soll Ihm nicht ausschließlich aus Angst vor der Hölle oder in der Hoffnung auf das Paradies dienen, sondern aus Liebe zu Ihm. Eine bekannte, symbolische Erzählung berichtet, sie sei mit einer Fackel in der einen und einem Eimer Wasser in der anderen Hand unterwegs gewesen. Nach dem Grund gefragt, habe sie sinngemäß erklärt: Sie wolle das Paradies verbrennen und das Feuer der Hölle löschen, damit die Menschen allein nur aus Liebe Allah dienen sollen. Diese Erzählung bringt einen Gedanken zum Ausdruck: Was bewegt den Menschen in seiner Anbetung?

Dhū n-Nūn al-Miṣrī, ein ägyptischer Asket und spiritueller Lehrer des 9. Jahrhunderts, wurde besonders mit dem Begriff Maʿrifa verbunden: der inneren Erkenntnis Allahs.

Bāyazīd al-Bisṭāmī, ebenfalls eine prägende Persönlichkeit des 9. Jahrhunderts, betonte die Überwindung des eigenen Egos, die Reinigung des Herzens und die völlige Hinwendung zu Allah.

Mit ihm wird besonders der Begriff Fanāʾ verbunden. Gemeint ist hier das Zurücktreten der Selbstbezogenheit. Die eigenen Ansprüche verlieren im Gottesgedenken ihre beherrschende Stellung. Dies ist nicht als körperliche Verschmelzung mit Allah zu verstehen.

Dschunayd al-Baghdādī, der 910 starb, steht dagegen besonders für den Weg der Nüchternheit – Ṣaḥw. Tiefe spirituelle Erfahrungen sollten mit klarem Bewusstsein, Selbstbeherrschung und der Erfüllung religiöser Pflichten verbunden bleiben. Viele spätere Orden führen ihre geistige Überlieferung über ihn zurück. Häufig wird er als Sayyid aṭ-Ṭāʾifa, als „Meister der Gemeinschaft“ der Sufis, bezeichnet.

Mansūr al-Ḥallādsch, der 922 in Bagdad hingerichtet wurde, gehört zu den umstrittensten Persönlichkeiten dieser frühen Geschichte. Berühmt wurde sein Ausspruch „Anā al-Ḥaqq“. Weil al-Ḥaqq auch ein Name Allahs ist, verstanden seine Kritiker diese Worte als einen Anspruch auf Göttlichkeit. Seine Verteidiger deuteten sie hingegen als Ausdruck eines Zustands von Fanāʾ. Seine Hinrichtung allein auf diesen Ausspruch zurückzuführen, würde die historischen Zusammenhänge verkürzen. Diese Persönlichkeiten vertraten unterschiedliche Akzente. 

Doch eine gemeinsame Frage durchzieht ihre Lehren: Wie kann ein Mensch, der ständig von Ablenkungen umgeben ist, sein Herz auf Allah ausrichten?

Für das grundlegende Problem verwendeten die Sufis einen Begriff: Ghaflah – Unachtsamkeit, Vergessenheit und innere Unaufmerksamkeit. Der Mensch vergisst, wem er sein Leben verdankt, wohin er unterwegs ist und welche Verantwortung er trägt.

Dem stellten sie Dhikr gegenüber: das Gedenken Allahs und die bewusste Erinnerung an Ihn.

Damit entstand die nächste Frage: Wie wird dieses Gedenken zu einer beständigen Haltung?

Über die Jahrhunderte sammelten Lehrer Schüler um sich. Schüler wurden selbst zu Lehrern. Übungen wurden weitergegeben, Erfahrungen besprochen und Methoden geordnet.

So entstanden geistige Überlieferungsketten, die Silsila, und unterschiedliche Wege der Schulung, die Ṭarīqa. Aus diesen entwickelten sich schließlich die verschiedenen Orden.

 

02. Die Qādiriyya: „Kehre zurück!“

Die Qādiriyya gehört zu den ältesten und weitverbreiteten Sufi-Traditionen. Sie trägt den Namen von ʿAbd al-Qādir al-Dschīlānī, der ungefähr von 1077 bis 1166 lebte.

Er stammte aus der Region Gīlān und kam nach Bagdad. Überlieferungen über sein Leben berichten von langen Zeiten der Askese und des Rückzugs. Manche nennen dafür einen Zeitraum von 25 Jahren. Für unseren Zusammenhang ist besonders die Rückkehr entscheidend.

Was geschieht, wenn ein Mensch aus der Einsamkeit zurückkehrt? Was gibt er von dem weiter, was er dort gelernt hat?

ʿAbd al-Qādir al-Dschīlānī wirkte in Bagdad als Lehrer und Prediger. Menschen versammelten sich um ihn, und seine Unterweisungen wurden später in Werken wie Futūḥ al-Ġayb und al-Fatḥ ar-Rabbānī überliefert.

Diese Lehren wenden sich an Menschen mitten im Leben. Sie sprechen von Umkehr, Aufrichtigkeit, Vertrauen auf Allah und der Überwindung selbstsüchtiger Neigungen. Die innere Schulung sollte sich im Handeln zeigen und anderen Menschen zugutekommen.

Ein wichtiger Bestandteil des Qādirī-Weges ist der Dhikr: die wiederholte Erinnerung an Allah durch Seine Namen und überlieferte Gedenkformeln. Je nach Gemeinschaft und Übung kann dieses Gedenken leise oder hörbar stattfinden.

Ein vertrauter Name kann Erinnerungen wecken. Ein einziges Wort kann eine ganze Welt von Bedeutungen öffnen. Im Gottesgedenken soll die Wiederholung das Herz immer wieder auf Allah ausrichten.

Andere Sufi-Traditionen stellten daneben eine weitere Frage: Kann auch das aufmerksame Zuhören das Herz zur Erinnerung führen?

 

03. Die Chischtī-Tradition: „Höre zu!“

Der Name der Chischtī-Tradition geht auf den Ort Chischt im heutigen Afghanistan zurück. Ihre frühen Wurzeln reichen ins 10. Jahrhundert. Besonders bekannt wurde sie durch Muʿīn ad-Dīn Chischtī, der im späten 12. und frühen 13. Jahrhundert in Indien wirkte.

In vielen Chischtī-Gemeinschaften erhielt Samāʿ eine besondere Bedeutung. Das spirituelle Hören von Dichtung und Gesang. Seine Formen und seine religiöse Zulässigkeit wurden unterschiedlich beurteilt. Das Zuhören konnte dabei zu einer Übung werden, durch die Worte das Herz erreichten und zur Besinnung führten.

Eine bekannte Ordensüberlieferung erzählt von Quṭb ad-Dīn Bakhtiyār Kākī. Bei einer Samāʿ-Versammlung soll er einen persischen Vers gehört haben, der Aḥmad-i Dschām zugeschrieben wird. Sinngemäß lautet er: „Die vom Dolch der Hingabe Getöteten empfangen jeden Augenblick neues Leben aus dem Verborgenen.“ Der Erzählung zufolge versetzte ihn dieser Vers in Wadschd, einen Zustand spiritueller Ergriffenheit. Dieser Zustand soll mehrere Tage angehalten haben und seinem Tod vorausgegangen sein.

Die Worte waren dieselben geblieben. Doch der Zuhörer hatte sich geändert.

Hier begegnet uns ein weiterer Begriff: Dhawq – Geschmack.

Man kann Bücher über Honig lesen, seine Eigenschaften untersuchen und seine Zusammensetzung erklären. Doch all das ersetzt nicht die Erfahrung, ihn zu kosten.

Mit diesem Bild beschrieben Sufis den Unterschied zwischen dem Wissen über eine Sache und ihrer persönlichen Erfahrung. Ein Gedicht konnte so mehr werden als eine Information. Es konnte den Menschen zur Selbstprüfung bewegen.

Doch gerade darin liegt eine Schwierigkeit: Woran erkennt man, ob eine starke Ergriffenheit tatsächlich zur geistigen Reifung führt?

Musik kann Gefühle auslösen. Intensive Gefühle können als religiöse Erkenntnis missverstanden werden. Auch Ekstase kann zur bloßen Inszenierung werden. Diese Fragen helfen zu verstehen, weshalb andere Traditionen die Stille besonders betonten.

 

04. Die Naqschbandiyya: „Werde still!“

Die Naqschbandiyya trägt den Namen von Bahāʾ ad-Dīn Naqschband, der im 14. Jahrhundert im Raum Buchara im heutigen Usbekistan lebte.

Ein zentrales Merkmal dieses Weges ist Dhikr khafī: das stille, innere Gottesgedenken.

Einer seiner Lehrer, Amīr Kulāl, pflegte auch den hörbaren gemeinschaftlichen Dhikr. Ordensüberlieferungen berichten, dass Bahāʾ ad-Dīn sich zurückzog, sobald dieser begann. Er bevorzugte die Stille, blieb jedoch seinem Lehrer verbunden. Später wurde der stille Dhikr zu einem prägenden Merkmal der Naqschbandiyya.

Hier zeigt sich ein deutlicher Unterschied: Während Klang für manche das Herz öffnen konnte, bevorzugten andere eine Übung, bei der äußere Reize möglichst zurücktraten.

Das Gedenken verlagerte sich nach innen. Die Zunge konnte schweigen, während das Herz aufmerksam blieb. Der Mensch musste dafür den Alltag nicht verlassen. Er konnte arbeiten, einkaufen, mit anderen sprechen und Verantwortung übernehmen. Diesen Gedanken bringt die Formel „Einsamkeit in der Menge“ zum Ausdruck: äußerlich unter den Menschen sein und innerlich Allah zugewandt bleiben. Die spirituelle Übung wurde damit von außen weniger sichtbar. Ihre Bewährung lag im alltäglichen Leben.

 

05. Die Schādhiliyya: „Bleibe in der Welt!“

Die Schādhiliyya geht auf Abū l-Ḥasan asch-Schādhilī im 13. Jahrhundert zurück. Er stammte aus dem heutigen Marokko und wirkte später besonders in Nordafrika und Ägypten.

Ein charakteristischer Gedanke dieser Tradition lautet: Übernimm Verantwortung im Alltag und richte dabei dein Herz auf Allah aus.

Beruf, Familie und Besitz müssen die spirituelle Schulung nicht verhindern. Entscheidend ist, welche Stellung sie im Herzen einnehmen.

Die Frage lautet daher: Was besitzt du – und was besitzt dich?

Ein Mensch kann Eigentum haben, ohne innerlich von ihm beherrscht zu werden. Ebenso kann jemand wenig besitzen und dennoch ständig von Besitzwünschen beschäftigt sein.

In dieser Tradition spielt die Auseinandersetzung mit Tadbīr, dem eigenen Planen und Lenken, eine wichtige Rolle. Dabei geht es um die Grenze zwischen verantwortlichem Handeln und dem Anspruch, alles aus eigener Kraft kontrollieren zu wollen. Vertrauen auf Allah hebt die Verantwortung nicht auf. Es soll den Menschen von der Vorstellung lösen, er könne den Ausgang aller Dinge beherrschen.

So wird der Alltag selbst zum Ort der Schulung: Geduld im Beruf, Aufrichtigkeit im Handel, Barmherzigkeit in der Familie und Bescheidenheit im Umgang mit anderen.

 

06. Die Mawlawiyya: „Verbinde Bewegung mit Disziplin!“

Die Mawlawiyya geht auf Dschalāl ad-Dīn Rūmī im 13. Jahrhundert zurück. Der Orden entwickelte sich nach seinem Tod in Konya; auch seine bekannten zeremoniellen Formen wurden im Laufe der Zeit ausgestaltet.

Heute verbinden viele Menschen diese Tradition mit den sich drehenden Derwischen. Dem weißen Gewand, der hohen Filzkappe und den ausgebreiteten Armen. Doch die Drehung folgt einer eingeübten Ordnung. Haltung, Schritte und Bewegung erfordern Aufmerksamkeit und Disziplin. Die Bewegung erhält dadurch eine symbolische Bedeutung: Sie kann für die Hinwendung zu Allah und das Zurücktreten der Selbstbezogenheit stehen.

Auch hier begegnet uns Fanāʾ – das Zurücktreten jenes Ichs, das ständig nach Anerkennung, Besitz und Vorrang verlangt. Das Bild des sich drehenden Körpers lädt zur Betrachtung ein.

So wird eine sichtbare Bewegung zum Anlass für eine innere Frage. Wer ist dann das Zentrum und wer ist das Ich? 

Andere Sufis gaben hierdrauf eine Antwort: Das Licht…! Farbe und Visionen. 

 

07. Die Kubrawiyya: „Schau nach innen!“

Die Kubrawiyya geht auf Nadschm ad-Dīn Kubrā zurück, der im späten 12. und frühen 13. Jahrhundert in Choresm in Zentralasien wirkte. Seine Schüler verbreiteten den Weg unter anderem nach Iran und Indien.

Diese Tradition ist besonders für ihre Beschäftigung mit inneren Wahrnehmungen bekannt.

Kubrā und spätere Lehrer beschrieben Lichter, Farben und Bilder, die während geistiger Übungen auftreten können. Sie versuchten, diese Erfahrungen als Hinweise auf unterschiedliche innere Zustände zu deuten.

Mit Kubrā wird auch das Bild eines „Pfades der Alchemie“ verbunden. Alchemie dient hier als Sinnbild für die Verwandlung des Menschen. So wie unedles Metall zu Gold veredelt werden sollte, soll das Herz von schlechten Eigenschaften gereinigt werden.

Hochmut soll zur Demut werde, Unachtsamkeit zum Gottesgedenken, Heuchelei zur Aufrichtigkeit und Habgier zur Genügsamkeit.

Doch ungewöhnliche Wahrnehmungen werfen weitere Fragen auf: Wenn jemand bei geschlossenen Augen Licht sieht, was bedeutet diese Erfahrung? Wenn ein inneres Erlebnis überwältigend wirkt, wie lässt es sich beurteilen?

Die Stärke eines Erlebnisses beweist noch nicht seine religiöse Bedeutung. Innere Wahrnehmungen dürfen nicht ohne Weiteres mit prophetischer Offenbarung gleichgesetzt werden.

Hier gewinnt eine gemeinsame Frage vieler Sufi-Traditionen an Bedeutung: Wer begleitet den Schüler, und woran werden seine Erfahrungen gemessen?

 

08. „Wer hat deinen Lehrer unterrichtet?“

In vielen Orden ist die Frage nach der Herkunft der Unterweisung zentral: Wer hat dich gelehrt – und wer hat deinen Lehrer gelehrt? Die entsprechende Überlieferungskette nennt man Silsila.

In der jeweiligen Ordensüberlieferung wird sie gewöhnlich auf den Propheten Muhammad ﷺ zurückgeführt, häufig über ʿAlī ibn Abī Ṭālib oder Abū Bakr aṣ-Ṣiddīq.

Die Silsila soll die Kontinuität der Unterweisung ausdrücken. Dabei geht es um mehr als eine Reihe von Namen.

Dahinter steht die Frage: Wie lässt sich eine gelebte Praxis über Generationen weitergeben?

Ein Buch kann Worte bewahren. Ein Manuskript kann Übungen beschreiben. Ein Gedicht kann Jahrhunderte überdauern. Doch das Lesen einer Anleitung bedeutet noch nicht, dass man sie angemessen versteht und umsetzt. Persönliche Unterweisung soll helfen, Fehler zu erkennen, Erfahrungen einzuordnen und das eigene Verhalten zu prüfen.

Jeder Lehrer steht dabei in einer Geschichte, die über seine eigene Lebenszeit hinausreicht. Frühere Generationen bleiben durch ihre Lehren gegenwärtig. Mit der Zeit entstehen um solche Überlieferungen Gemeinschaften – und aus Gemeinschaften werden Institutionen.

09. Wenn aus einem Weg eine Institution wird

Eine Ṭarīqa bezeichnet einen Weg und eine Methode der geistigen Schulung. Doch ein dauerhaft beschrittener Weg schafft auch organisatorische Strukturen: Versammlungsstätten, Schulen, Stiftungen und Netzwerke. Manche Orden gewannen darüber hinaus gesellschaftlichen und politischen Einfluss. Diese Einrichtungen trugen dazu bei, Lehren zu bewahren und über Regionen und Generationen hinweg weiterzugeben. Denn Lehrer sterben, Bücher gehen verloren, Sprachen verändern sich und Erinnerungen verblassen.

Doch die institutionelle Dauer birgt eine weitere Gefahr: Die äußere Form kann bestehen bleiben, während ihr innerer Sinn in den Hintergrund tritt.

Das Gewand bleibt. Das Gebäude bleibt. Der Titel bleibt. Das Ritual wird fortgeführt, und die Namen der Überlieferungskette werden bewahrt.

Trotzdem muss jede Generation neu fragen, ob diese Formen noch ihrem eigentlichen Zweck dienen: Führen sie zu Gottesgedenken, Aufrichtigkeit und einem besseren Charakter?

 

10. Das gemeinsame Anliegen: Erinnern

Die unterschiedlichen Wege lassen sich für diese Betrachtung mit kurzen Leitgedanken veranschaulichen. Diese Formeln erfassen jeweils einen Akzent; sie sind keine vollständigen Beschreibungen der Orden:

Die Qādiriyya erinnert: Kehre um und gib weiter, was du gelernt hast.

Die Chischtī-Tradition lädt ein: Höre aufmerksam zu.

Die Naqschbandiyya betont: Werde innerlich still.

Die Schādhiliyya lehrt: Bewähre dich im Alltag.

Die Mawlawiyya veranschaulicht: Verbinde Bewegung mit Disziplin.

Die Kubrawiyya fragt: Betrachte und prüfe dein Inneres.

Verschiedene Methoden, Kulturen und geschichtliche Zusammenhänge – und doch begegnet uns immer wieder ein gemeinsames Anliegen:

Ghaflah überwinden und durch Dhikr zu bewusster Erinnerung gelangen.

Heute tragen wir viele unserer Ablenkungen ständig mit uns. Ein Bildschirm genügt, um unsere Aufmerksamkeit innerhalb weniger Augenblicke in zahlreiche Richtungen zu ziehen.

Dabei fehlt es uns häufig nicht an Informationen. Es fällt uns schwer, bei dem zu bleiben, was wir längst als wichtig erkannt haben.

Deshalb lohnt sich die Frage: Was hilft uns, aufmerksam zu werden?

Brauchen wir Ruhe, weil unser Leben voller Lärm ist? Hilft uns ein Wort, das unser Herz berührt? Müssen wir uns zeitweise zurückziehen oder gerade im Alltag bewähren? Brauchen wir mehr Disziplin, eine verlässliche Begleitung oder eine ehrlichere Selbstprüfung?

Die Vielfalt dieser Wege lässt sich auch vor dem Hintergrund unterschiedlicher Menschen und Lebensbedingungen verstehen. Dabei bleibt die entscheidende Frage, ob eine Praxis zu Aufrichtigkeit, verantwortlichem Handeln und einer beständigen Hinwendung zu Allah führt.

 

11. Einen Weg kennen – und ihn gehen

Wir können die Namen der Orden lernen, ihre Geschichte untersuchen, ihre Überlieferungsketten betrachten und ihre Methoden vergleichen. Doch selbst nach all diesem Wissen können wir innerlich an derselben Stelle stehen wie zuvor. Einen Weg zu kennen bedeutet noch nicht, ihn zu gehen.

Hier kehrt das Bild von Dhawq, dem Geschmack, zurück: Man kann zahlreiche Studien über Honig lesen. Doch erst wenn man ihn kostet, kennt man seinen Geschmack.

Ebenso wird eine religiöse Lehre erst dann Teil unseres Lebens, wenn sie unsere Aufmerksamkeit, unsere Entscheidungen und unser Verhalten prägt.

Der Gesandte Allahs ﷺ sagte:

حُبِّبَ إليَّ من دُنْياكمُ النِّساءُ والطِّيبُ وجُعِلَت قُرَّةُ عَيني في الصَّلاةِ

„Von eurer Welt wurden mir Frauen und Wohlgeruch lieb gemacht, und im Gebet wurde mir die Freude meiner Augen gegeben.“ (Überliefert bei an-Nasāʾī und Aḥmad.)

Das Gebet erscheint hier zugleich als Pflicht und als Quelle tiefer Freude. Die religiöse Handlung verbindet sich mit einer inneren Erfahrung.

Auch die vorgestellten Sufi-Traditionen bemühten sich auf unterschiedliche Weise darum, das äußere Handeln mit innerer Aufmerksamkeit zu verbinden.

So sagt Allah (SwT):

وَالَّذِينَ جَاهَدُوا فِينَا لَنَهْدِيَنَّهُمْ سُبُلَنَا

„Und diejenigen, die sich um Unseretwillen mühen, werden Wir gewiss auf Unsere Wege leiten …“ (Der edle Koran, 29:69.)

Dieser Vers erinnert an die Bedeutung des aufrichtigen Bemühens. Die Erwähnung der verschiedenen Praktiken ersetzt dabei nicht ihre religiöse Prüfung.

Das ist die Ṭarīqa, der Weg. 

Denn ein Weg allein bittet dich nicht ihn zu bewundern.

Er fragt dich, wohin du gehen möchtest.

Denn er lädt uns ein, aufzubrechen, mit einem klaren Ziel und der Bereitschaft, uns letztendlich selbst zu verändern.


Furkan bin Abdullah
Sontra den 25.04.1448 / 06.10.2026

 

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