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03.11.2026 7

DIE SPIRITUELLE ERZIEHUNG IM QĀDIRIYYA-ORDEN – FURKAN BIN ABDULLAH

DIE SPIRITUELLE ERZIEHUNG IM QĀDIRIYYA-ORDEN – FURKAN BIN ABDULLAH

DIE SPIRITUELLE ERZIEHUNG IM QĀDIRIYYA-ORDEN – FURKAN BIN ABDULLAH
 

Der Mensch fühlt sich zum Spirituellen hingezogen, denn er besitzt nicht nur einen Körper, sondern auch eine Seele. Unsere Bedürfnisse beschränken sich deshalb nicht auf das Materielle. Wir suchen nach Sinn, innerer Ruhe und einer Verbindung zu unserem Schöpfer.

Schon die Betrachtung des Universums lässt uns erkennen, wie begrenzt das ist, was wir unmittelbar wahrnehmen können. Nach dem heutigen kosmologischen Modell besteht das Universum zu etwa fünf Prozent aus gewöhnlicher Materie, während ungefähr 27 Prozent dunkler Materie und 68 Prozent dunkler Energie zugerechnet werden. Auch die Atome, aus denen unser Körper und die Erde bestehen, haben eine erstaunliche Struktur: Fast ihre gesamte Masse befindet sich im winzigen Atomkern, während die Elektronenhülle ihre räumliche Ausdehnung bestimmt. Würde man Materie auf die Dichte von Atomkernen verdichten, nähme sie nur noch einen unvorstellbar kleinen Raum ein. Diese Betrachtungen sind kein Beweis für die spirituelle Welt, erinnern uns aber daran, dass die Wirklichkeit weit über unseren unmittelbaren Eindruck hinausgeht.

Gerade heute brauchen wir einen gesunden spirituellen Weg. Dass sich die islamischen Orden insbesondere zwischen dem elften und vierzehnten Jahrhundert herausbildeten und festigten, geschah nicht ohne Grund. Sie gaben der geistigen Erziehung eine organisierte Form und begleiteten Menschen dabei, ihre Herzen zu reinigen und ihr Leben auf Allah auszurichten. Doch nicht jede Form von Spiritualität führt zu diesem Ziel. Entscheidend ist eine Spiritualität, die auf dem Tauḥīd gründet und den Menschen zur aufrichtigen Dienerschaft führt.

Wo Spiritualität dagegen nur noch um das eigene Ich kreist, besteht die Gefahr, dass der Mensch seine Wünsche zum höchsten Maßstab erhebt. Statt seine Begierden zu erziehen, beginnt er, ihnen zu folgen. Allah warnt vor dieser Haltung:

„Hast du den gesehen, der sich seine eigene Neigung zu seinem Gott nimmt? Und Allah lässt ihn trotz Wissen in die Irre gehen …“ (Der edle Koran 45:23)

Der spirituelle Weg verlangt deshalb die Auseinandersetzung mit den eigenen Begierden. Der Prophet ﷺ sagte:

„Der wahre Mujahid ist derjenige, der um Allahs willen gegen seine eigenen Begierden ankämpft.“ (Imam Aḥmad; Ṣaḥīḥ Ibn Ḥibbān)

Eine weitere, in ihrer Überlieferungsbewertung gesondert zu prüfende Aussage beschreibt die befolgte Begierde als besonders verwerflich unter dem, was anstelle Allahs angebetet wird. Ihr grundlegender Gedanke ist eine ernste Mahnung: Unsere Neigungen dürfen nicht die Stellung einnehmen, die allein Allah gebührt.

Die Abneigung gegen verbindliche göttliche Gebote kann Menschen dazu bringen, sich von der Religion abzuwenden oder eine Spiritualität zu suchen, die ihnen keine festen Grenzen setzt. Allerdings lassen sich Atheismus, Deismus und Agnostizismus nicht bei jedem Menschen auf denselben Beweggrund zurückführen. Für uns bleibt die entscheidende Frage, ob wir aufrichtig nach Wahrheit suchen oder lediglich einen Weg wählen, der unsere Wünsche bestätigt. Auch ein gesellschaftliches Klima, in dem der Islam vor allem mit negativen Bildern verbunden wird, kann Menschen davon abhalten, ihn selbst zu erforschen. Umso wichtiger ist es, sich nicht von Vorurteilen leiten zu lassen.

Wir brauchen daher einen monotheistischen spirituellen Weg, der Erkenntnis, Gottesdienst und die Erziehung des Herzens miteinander verbindet. Diesen Weg nennen wir Sayr wa-Sulūk. Sein Ziel ist Iḥsān: Allah mit einem wachen und aufrichtigen Herzen zu dienen.

Auf diesem Weg verändert sich auch unser Blick auf die Schöpfung. Wir beginnen, bewusster über ihren Tasbīḥ nachzudenken:

„Ihn preisen die sieben Himmel und die Erde, und wer in ihnen ist. Es gibt nichts, was Ihn nicht lobpreist …“ (Der edle Koran 17:44)

Die Schöpfung wird für uns zu einem Anlass des Gedenkens. Im Zusammenhang mit den Tajalliyāt sprechen wir von einer vertieften Wahrnehmung der Zeichen Allahs und der Wirkungen Seiner Namen und Eigenschaften. Dabei bleibt Allah von Seiner Schöpfung unterschieden. In diesem Zusammenhang betrachten wir auch den Vers:

„… Wohin ihr euch auch wendet, dort ist das Angesicht Allahs …“ (Der edle Koran 2:115)

Diese Erziehung beginnt im Alltag. Es ist erstaunlich, zu welchen Anlässen der Prophet ﷺ Bittgebete sprach und Allah gedachte. Sein Tagesablauf zeigt uns, wie eng das Gedenken Allahs mit dem gewöhnlichen Leben verbunden sein kann. Versuchen wir eine Woche lang, unsere täglichen Handlungen bewusst mit der Basmala zu beginnen. Dadurch lernen wir, Allah auch während unserer alltäglichen Tätigkeiten nicht zu vergessen.

Der Prophet ﷺ bat Allah täglich hundertmal um Vergebung. Istighfār ist deshalb nicht allein eine Antwort auf begangene Sünden, sondern begleitet die gesamte Erziehung des Herzens. In der ʿAbd al-Qādir al-Jīlānī zugeschriebenen Lehre werden dabei drei Stufen unterschieden: Die Reue der Allgemeinheit, al-ʿAwāmm, besteht darin, um Vergebung für Sünden zu bitten und sich von ihnen abzuwenden. Die Reue der geistig Fortgeschrittenen, al-Khawāṣṣ, richtet sich auf die Ghafla, also die Unachtsamkeit und das Vergessen Allahs. Die Reue der besonders Fortgeschrittenen, Khawāṣṣ al-Khawāṣṣ, betrifft schließlich die Bindungen des Herzens, durch die es von Allah abgelenkt wird.

Eine ähnliche Vertiefung können wir uns beim Bekenntnis „Lā ilāha illā Allāh“ vorstellen. Zunächst sprechen wir es aus und verstehen seine Bedeutung. Dann lernen wir, unser Handeln danach auszurichten. Schließlich soll es unser Herz so prägen, dass unsere Absichten und unsere Hingabe immer aufrichtiger werden.

Am Anfang wie am Ende bleibt die höchste Stellung für uns die des Dieners: ʿAbd. Was sich verändert, ist die Qualität unserer Dienerschaft. Anfangs steht möglicherweise das pflichtbewusste Befolgen der Gebote im Vordergrund, vergleichbar mit dem Gehorsam eines Soldaten gegenüber seinem Kommandanten. Mit zunehmender geistiger Reife treten Liebe, Vertrauen und innere Nähe stärker hervor. Wir bleiben Diener Allahs, doch unsere Beziehung zu Ihm wird bewusster und inniger.

Ein Bruder sagte mir einmal, dass der Mensch im vierzigsten Lebensjahr eine besondere Reife erreichen könne. Er kann dann auf die Erfahrungen der Generationen vor ihm zurückblicken und zugleich die nachfolgenden Generationen betrachten. Diese Perspektive kann helfen, Verantwortung und Weitsicht zu entwickeln. Geistige Reife ist jedoch nicht allein vom Lebensalter abhängig, sondern ebenso von Aufrichtigkeit, Wissen und gelebter Erfahrung.

Damit dieser Weg auf einem festen Fundament steht, brauchen wir eine richtige ʿAqīda und ein verlässliches Verständnis des Fiqh, das wir im Alltag umsetzen. Allah beschreibt Seine Gefolgsleute mit den Worten:

„Sicherlich, über Allahs Gefolgsleute soll keine Furcht kommen, noch sollen sie traurig sein. Es sind diejenigen, die glauben und gottesfürchtig sind.“ (Der edle Koran 10:62–63)

Glaube und Gottesfurcht gehören somit zusammen. Spirituelle Erfahrungen ersetzen weder die Glaubensgrundlagen noch die Gebote Allahs. Ein Tasawwuf, der sich von diesen Grundlagen löst, kann zu schweren Irrwegen führen. Umgekehrt soll das Wissen über religiöse Vorschriften auch unser Herz und unseren Charakter erziehen.

Diesen Zusammenhang bringt ein unter Gelehrten verbreiteter Ausspruch zum Ausdruck: Wer sich nur mit Fiqh beschäftigt und die Reinigung seines Herzens vernachlässigt, gefährdet seine moralische Entwicklung. Wer dagegen einen spirituellen Weg ohne das notwendige religiöse Wissen geht, läuft Gefahr, in Irrlehren zu geraten. Wer beides miteinander verbindet, vereint die äußere Praxis mit der inneren Aufrichtigkeit. Tasawwuf bezeichnet dabei den spirituellen Weg des Islams, während die Tarīqa seine organisierte Form darstellt.

Auch eine bei Ibn Taymiyya in Darʾ taʿāruḍ al-ʿaql wa-n-naql wiedergegebene Aussage ʿAbd al-Qādir al-Jīlānīs betont die Bedeutung der Glaubensgrundlagen. Auf die Frage, ob jemand ein Wali Allahs sein könne, ohne der ʿAqīda Imam Aḥmad ibn Ḥanbals zu entsprechen, wird von ihm die Antwort überliefert:

„Es war nicht und wird nicht sein. Die ʿAqīda wurde nur Ahmad ibn Hanbal zugeschrieben, weil er sie hervorgehoben und klargestellt hat, besonders beim Aufkommen von Neuerungen. An sich gehört der Glaube jedoch zum Buch Allahs und zur Sunna Seines Gesandten. Ahmad hatte davon denselben Anteil wie andere der frühen Gelehrten: nämlich ihn zu kennen, daran zu glauben, ihn zu übermitteln und ihn zu verteidigen. Wie einige große Gelehrte sagten: Die ʿAqīda gehört Mālik, Schāfiʿī und den ihnen ähnlichen Imamen – doch das öffentliche Hervortreten davon ist Aḥmad ibn Hanbal zu verdanken.“

Die spirituelle Erziehung im Qādiriyya-Orden verbindet daher die Reinigung des Herzens mit dem Glauben, dem religiösen Wissen und der gelebten Praxis. Durch Reue, Dhikr, die Erziehung unserer Begierden und die aufrichtige Befolgung der Gebote gehen wir den Weg des Sayr wa-Sulūk. Unser Ziel bleibt Iḥsān: Allah als Seine Diener mit einem wachen, aufrichtigen und gottesfürchtigen Herzen zu dienen.

 

Die Aufgaben eines Murīd (des Strebenden; des Schülers):

01. Eine reine und authentische ʿAqīda. 

02. Einen Einsatz und Eifer für den Weg aufzeigen. So sagt Allah (SwT): „Diejenigen aber, die sich um Unsertwillen abmühen, werden Wir ganz gewiss Unsere Wege leiten…“ (Der edle Koran 29:69)

03. Iḫlāṣ. Die reine Absicht und Aufrichtigkeit es nur für Allah (SwT) zu machen.

04. Die Distanzierung von schlimmen Orten.

05. Nicht mehr geizig sein.

06. Mit seiner Situation und seinen Zustand zufrieden zu sein.

08. Sich von Allah (SwT) nichts außer Erbarmen und Seine Zufriedenheit zu wünschen.

 

Die Aufgaben des Murīds, seinem Scheich (Murschid – Wegweiser) gegenüber:

Er sollte sich seinem Lehrer gegenüber nicht widersetzen und nicht einmal in seinem Herzen etwas gegen ihn hegen. So sagt Allah (SwT): Und diejenigen, die nach ihnen gekommen sind, sagen: „Unser Herr, vergib uns und unseren Brüdern, die uns im Glauben vorausgegangen sind, und lasse in unseren Herzen keinen Groll sein gegen diejenigen, die glauben. Unser Herr, Du bist ja Gnädig und Barmherzig.“ (Der edle Koran 59:10)

Er soll häufig Allahs Wort lesen: „Wisse, dass es keinen Gott außer Allah gibt. Bitte um Vergebung für deine Sünde und für die gläubigen Männer und Frauen. Allah kennt eure Bewegungen und euren Aufenthalt.“ (Der edle 47:19)

Siehst du nicht Adam? Als Allah ihn erschuf, lehrte Er ihn alle Namen und eröffnete damit die Angelegenheit. Er machte ihn wie einen Schüler bei einem Lehrer.

Als seine Unterweisung und Erziehung abgeschlossen waren, machte Er ihn zum Lehrer, und setzte ihn im Paradies auf einen Sitz. Die Engel stellte Er in Reihen um ihn und sagte: „Adam, teile ihnen ihre Namen mit“.

Die Engel wurden somit die Schüler Adams und Adam ihr Scheich. Er teilte ihnen die Namen aller Dinge mit, wie der Koran bezeugt. Sein Vorzug wurde sichtbar; er wurde vor Allah und vor ihnen der vorzüglichste, wissendste und edelste. Er war ihr Vorbild, und sie folgten ihm.

Als das Essen vom Baum, das Verlassen des Paradieses und der Wechsel in einen anderen Zustand und eine andere Stätte geschahen, war ihm das Wissen darüber noch nicht gegeben. Er hatte dort nicht gelebt, nicht daran gedacht und nicht vermutet, dass er dahin geführt würde. Als er ankam und auf der Erde umherging, empfand er Fremdheit und sah Dinge, die er vorher nicht gesehen hatte. Hunger, Durst, brennendes Verlangen und Enge kamen über ihn, die er nicht kannte. Er benötigte einen Lehrer, Wegweiser, Meister, Führer und Erzieher.

Allah (SwT) sandte daraufhin Gabriel. Er schenkte ihm Vertrautheit und erklärte ihm das Unklare dieser Erde.

So wurde Adam Schüler Gabriels und Gabriel sein Meister und Scheich, nachdem Adam zuvor der Scheich Gabriels und aller Engel gewesen war. Dies alles wurde ihm wegen des Zustandswechsels und des Übergangs von einer Stätte in eine andere gelehrt.

Ebenso lernte Set von seinem Vater Adam, dann dessen Kinder von ihm. Noah lehrte seine Andachten, Abraham seine Kinder. Ebenso lehrten Moses und Aaron ihre Kinder und die Kinder Israels, und Jesus lehrte die Jünger.

Gabriel lehrte unseren Propheten ﷺ den Islam und den Iman, sowie den edlen Koran.

Die Gefährten lernten vom Propheten ﷺ, die Nachfolger von ihnen und die Nachfolger der Nachfolger wiederum von ihnen: Generation nach Generation und Zeit nach Zeit. 

Die Gottesfreunde und Wahrhaftigen des Islams waren immer ebenso Meister und Schüler.

Die Scheiche sind der Weg zu Allah, die Wegweiser zu Ihm und die Tür, durch die man zu Ihm eintritt. Deshalb benötigt jeder der nach Allah strebt, wie wir erklärten, einen Scheich, abgesehen von seltenen Ausnahmefällen. 

Denn Allah (SwT) kann einen Diener erwählen und dessen Erziehung und Schutz vor Satanen und den Fehlern von Seele und Neigung selbst übernehmen: wie beim Prophet Abraham, unserem Propheten Muhammad ﷺ, dem Gottesfreund Uways al-Qaranī und anderen. Dies wird nicht bestritten. Wir haben nur das Häufigste, Sicherste und Beste erklärt.

Eine Person soll sich nicht vom Scheich lösen, bis er durch die Verbindung zu seinem Herrn unabhängig von ihm geworden ist. Dann übernimmt Allah seine Erziehung und Läuterung, lässt ihn Bedeutungen erkennen, die vielleicht sogar vom Scheich verborgen waren.

 

Die Pflichten des Scheichs bei der Erziehung des Murīd

Der Scheich muss den Murīd für Allah annehmen, nicht für sich selbst. Er begegnet ihm mit aufrichtiger Fürsorge, betrachtet ihn mit mitfühlendem Blick und bringt ihn sanft näher, wenn er die geistliche Übung nicht tragen kann. Er erzieht ihn wie ein Vater sein eignes Kind. Er beginnt mit dem Leichteren und bürdet ihm nicht auf, was seine Kraft übersteigt.

Danach führt er ihn zum Strengeren. Zuerst befiehlt er ihm, in allen Angelegenheiten das Folgen der Natur aufzugeben und den Erleichterungen der Scharia zu folgen, bis er die Fessel und Herrschaft der Natur verlässt und unter die Bindung und Dienerschaft der Scharia gelangt. Dann führt er ihn nach und nach von den Erleichterungen zur festen Entschlossenheit. Er entfernt eine Eigenschaft der Erleichterung und setzt an ihre Stelle eine Eigenschaft der Entschlossenheit.

Erkennt er bereits am Anfang Wahrhaftigkeit in der Muǧāhada und Entschlossenheit, sieht er dies durch Allahs Licht und Enthüllung. Danach führt er ihn zu den strengeren Übungen, von denen er weiß, dass die Stärke seines Strebens dafür ausreicht. Steht für ihn fest, dass er dafür erschaffen und geeignet ist und es zu seiner Angelegenheit gehört, soll er ihm nicht durch übermäßige Erleichterung untreu werden.

Der Scheich soll unter keinen Umständen Nutzen aus dem Murīd ziehen, weder aus seinem Vermögen noch aus seinem Dienst. Er soll von Allah für dessen Erziehung keine Gegenleistung und nichts anderes erwarten, sondern ihn in Übereinstimmung mit Allah erziehen. 

 

Die sieben Grundlagen des Qādiriyya-Ordens

 

01. Muǧāhada:

وَالَّذِينَ جَاهَدُوا فِينَا لَنَهْدِيَنَّهُمْ سُبُلَنَا

„Diejenigen aber, die sich um Unsertwillen abmühen, werden Wir ganz gewiss Unsere Wege leiten…“ (Der edle Koran 29:69)

Abū Saʿīd al-Ḫudrī überliefert, dass der Gesandte Allahs ﷺ sagte:

„Der beste Dschihad ist ein Wort der Gerechtigkeit vor einem unterdrückerischen Herrscher.“ (Sunan Abī Dāwūd 4344)

Abū ʿAlī ad-Daqqāq sagte:

„Wer sein Äußeres durch Muǧāhada – das beharrliche Bemühen um Selbstläuterung – schmückt, dessen Inneres verschönert Allah durch Mušāhada – die geistige Schau. Allah hat gesagt: ‚Diejenigen aber, die sich um Unseretwillen abmühen, werden Wir gewiss auf Unsere Wege leiten.‘ Wer am Anfang des Weges keine Muǧāhada übt und sich nicht gebührend bemüht, wird nicht einmal den Duft der Tariqa wahrnehmen.“

Abū ʿUṯmān al-Maġribī sagte: 

„Wer meint, dass ihm etwas von diesem Weg eröffnet oder enthüllt werden könne, ohne sich beständig um Muǧāhada zu bemühen, befindet sich im Irrtum.“

Abū ʿAlī ad-Daqqāq sagte: 

„Wer am Anfang nicht aufsteht, wird am Ende keinen Sitz haben.“ Er sagte auch: „In der Bewegung liegt Segen. Die Bewegungen des Äußeren bringen die Segnungen des Inneren hervor.“

Al-Ḥasan ibn ʿAlawiyya berichtete, Abū Yazīd habe gesagt:

„Zwölf Jahre lang war ich der Schmied meiner Seele und fünf Jahre der Spiegel meines Herzens. Ein Jahr lang betrachtete ich, was zwischen beiden lag. Da fand ich um meine Mitte einen äußeren Gürtel. Zwölf Jahre arbeitete ich daran, ihn zu durchtrennen. Dann schaute ich hin und fand in meinem Inneren einen Gürtel. Fünf Jahre arbeitete ich daran, ihn zu durchtrennen, und überlegte, wie ich ihn durchtrennen sollte. Dann wurde mir enthüllt. Ich betrachtete die Geschöpfe und sah sie als Tote; darauf sprach ich über sie vier Takbīr.“

Ibrāhīm ibn Adham sagte: 

„Ein Mensch erreicht die Stufe der Rechtschaffenen nicht, bevor er sechs Hindernisse überwunden hat: Erstens schließt er das Tor des Wohllebens und öffnet das Tor der Härte. Zweitens schließt er das Tor des Ansehens und öffnet das Tor der Demut. Drittens schließt er das Tor der Bequemlichkeit und öffnet das Tor der Anstrengung. Viertens schließt er das Tor des Schlafes und öffnet das Tor des Wachens. Fünftens schließt er das Tor des Reichtums und öffnet das Tor der Armut. Sechstens schließt er das Tor weitreichender Hoffnungen und öffnet das Tor der Vorbereitung auf den Tod.“

Abū ʿUṯmān sagte: 

„Niemand sieht den Fehler seiner Seele, solange er etwas an ihr gut findet. Den Fehler seiner Seele sieht nur derjenige, der ihr in allen Zuständen misstraut.“

Abū Ḥafṣ sagte:

„Am schnellsten geht derjenige zugrunde, der seinen eigenen Fehler nicht kennt. Denn die Sünden sind Vorboten des Unglaubens.“

As-Sarī sagte: 

„Hütet euch vor den Nachbarn der Reichen, den Koranrezitatoren der Märkte und den Gelehrten der Fürsten.“

 

Das Grundprinzip der Muǧāhada

Das Grundprinzip der Muǧāhada ist, der eigenen Neigung zu widersprechen. Man hält seine Seele von vertrauten Gewohnheiten, Begierden und Genüssen zurück und zwingt sie zu allen Zeiten dazu, dem entgegenzuhandeln, was sie begehrt. Wenn sie sich in die Begierden stürzt, zügelt man sie mit dem Zaum der Gottesfurcht und der Furcht vor Allah (SwT). Wenn sie bockt und bei der Verrichtung des Gehorsams und der Übereinstimmung mit Allahs Geboten stehen bleibt, treibt man sie mit den Peitschen der Furcht, des Widerspruchs gegen die Neigung und der Verweigerung eigennütziger Anteile an.

 

Die Bestandteile welches die Mujāhada vollenden:

Die Muǧāhada wird nur durch Murāqaba vervollständigt. Auf sie verwies der Gesandte Allahs ﷺ, als Gabriel ihn nach dem Iḥsān fragte. Er sagte: „Iḥsān bedeutet, Allah so zu dienen, als würdest du Ihn sehen. Wenn du Ihn auch nicht siehst, so sieht Er dich.“

1. Allah (SwT) erkennen.

2. Den Satan erkennen.

3. Das Nafs al-Ammāra erkennen.

Dies ist der Beginn des Weges, ein Qalb salīm, ein gesundes Herz zu bekommen. Denn nur so öffnet sich die Empfängnis des Menschen, sein Radar. 

يَوْمَ لَا يَنفَعُ مَالٌ وَلَا بَنُونَ ‎﴿٨٨﴾‏ إِلَّا مَنْ أَتَى اللَّهَ بِقَلْبٍ سَلِيمٍ ‎﴿٨٩﴾

An dem Tag, an dem weder Vermögen noch Kinder nützen – außer dem, der mit einem unversehrten Herzen zu Allah kommt. (Der edle Koran 26:88–89)

Deswegen bringt meist die Nasiha bei vielen nichts mehr, weil sie ein krankes Herz besitzen.

 Ibn Taymiyya sagt:

„Wenn ein Teich zur Ruhe kommt in seiner Klarheit, und davor bewahrt bleibt, dass der Wind ihn bewegt, dann erscheint darin der Himmel. Ohne Zweifel, ebenso zeigen sich darin die Sonne und die Sterne. So sind auch die Herzen der Menschen der Gottesoffenbarung: In ihrer Reinheit erblicken sie Allah den Gewaltigen.“ (Majmūʿ al-Fatāwā 28/6)

Allah (SwT) sagt:

الَّذِينَ آمَنُوا وَتَطْمَئِنُّ قُلُوبُهُم بِذِكْرِ اللَّهِ ۗ أَلَا بِذِكْرِ اللَّهِ تَطْمَئِنُّ الْقُلُوبُ ‎﴿٢٨﴾

(Es sind) diejenigen, die glauben und deren Herzen im Gedenken Allahs Ruhe finden. Sicherlich, im Gedenken Allahs finden die Herzen Ruhe! (Der edle Koran 13:28)

 

Die 7 Stufen der Seelenentwicklung: Nafs al-Ammāra - Nafs al-Lawwāma - Nafs al-Mulhima - Nafs al-Mutma’inna –  Nafs ar-Rāḍiya - Nafs al-Marḍiyya - Nafs al-Kāmila

 

1. Nafs al-Ammāra – Das befehlende Ego

Das Ego befiehlt hier zum Schlechten und die Triebe dominieren noch das Leben.

2. Nafs al-Lawwāma – Die selbstanklagende Seele

Das Gewissen erwacht auf dieser Stufe. Schuldgefühle nach Sünden beginnen. Der innere Konflikt erwacht. Reuegefühle entstehen. Genau hier beginnt der Kampf.

3. Nafs al-Mulhima – Die inspirierte Seele

Das Herz beginnt auf dieser Stufe Gutes zu erkennen. Die Sehnsucht nach Reinheit. Die Liebe zu guten Taten. Spirituelle Einsichten beginnen.

4. Nafs al-Mutma’inna – Die ruhige Seele

Der innere Frieden entsteht nun. Das Vertrauen in Allah ist da. Nun sind weniger innere Kämpfe. Die Gelassenheit beginnt.

5. Nafs ar-Rāḍiya – Die zufriedene Seele

Die Zufriedenheit mit Allahs Bestimmung fängt hier an. Nun akzeptiert man alle Prüfungen. Es besteht keine Bitterkeit mehr. Anstatt dessen kommt dauerhaft die Dankbarkeit.

6. Nafs al-Marḍiyya – Die Seele, mit der Allah zufrieden ist

Nicht nur du bist zufrieden mit Allah, sondern Allah ist auch nun zufrieden mit dir. Der Charakter wird edel. Die Handlungen werden rein.

7. Nafs al-Kāmila – Die vollkommene Seele

Dies ist die Höchste spirituelle Reife. Die völlige Hingabe ist eingetreten. Es gibt nun keine innere Rebellion mehr. Das Ego dient nur noch, anstatt zu herrschen. Dies ist der Zustand der Propheten und der höchsten Gottesfreunde, den Awliyāʾ Allāh.

وَأَمَّا مَنْ خَافَ مَقَامَ رَبِّهِ وَنَهَى النَّفْسَ عَنِ الْهَوَىٰ ‎﴿٤٠﴾‏ فَإِنَّ الْجَنَّةَ هِيَ الْمَأْوَىٰ ‎﴿٤١﴾

Was aber denjenigen betrifft, der Ehrfurcht vor dem Amt seines Herrn hat und die Seele von den Begierden abhält, so ist das Paradies wahrlich seine Unterkunft. (Der edle Koran 79:40-41)

 

4. Jene Taten erkennen, mit denen Allah (SwT) zufrieden ist.

 

Die Eigenschaften der Menschen der Muǧāhada

Erstens: Der Diener schwört nicht bei Allah, weder wahrhaftig noch lügnerisch, weder absichtlich noch unbedacht. Wenn er dies in sich festigt und seine Zunge daran gewöhnt, bringt ihn das dazu, auch das unbedachte und absichtliche Schwören aufzugeben. Gewöhnt er sich daran, öffnet Allah ihm ein Tor Seiner Lichter.

Zweitens: Er meidet die Lüge im Scherz und im Ernst. Wenn er dies tut, in sich festigt und seine Zunge daran gewöhnt, weitet Allah ihm die Brust und reinigt dadurch sein Wissen, bis ihm die Lüge fremd wird.

Drittens: Er hütet sich davor, jemandem etwas zu versprechen und das Versprechen zu brechen, obwohl er es erfüllen könnte, außer bei einem klaren Entschuldigungsgrund. Das stärkt seine Angelegenheit und ist angemessener für seinen Weg, denn das Brechen eines Versprechens gehört zur Lüge. Tut er dies, wird ihm das Tor der Freigebigkeit geöffnet, die Stufe der Schamhaftigkeit gewährt, Zuneigung unter den Wahrhaftigen gegeben und eine Erhöhung bei Allah verliehen.

Viertens: Er vermeidet, irgendein Geschöpf zu verfluchen oder einer Ameise oder einem größeren Wesen Leid zuzufügen. Dies gehört zum Charakter der Frommen und Wahrhaftigen.

Fünftens: Er vermeidet, gegen irgendein Geschöpf zu beten, selbst wenn es ihm Unrecht tut. Er verletzt es nicht mit seiner Zunge und vergilt ihm nicht durch seine Handlungen, sondern trägt dies um Allahs willen. Er vergilt weder mit Worten noch mit Taten. Diese Eigenschaften erheben ihren Träger zu hohen Stufen. Wenn er sich durch sie erzieht, erlangt er eine edle Stellung im Diesseits und Jenseits.

Siebtens: Er vermeidet das Schauen auf Sünden und das Streben nach ihnen, äußerlich und innerlich, und hält seine Glieder davon zurück. Dies gehört zu den Handlungen, deren Lohn für Herz und Glieder bereits im Diesseits besonders schnell eintritt, zusätzlich zu dem Guten des Jenseits, das Allah für ihn aufbewahrt.

Achtens: Er vermeidet, einem Geschöpf durch sich eine kleine oder große Last aufzuerlegen. Vielmehr nimmt er seine Last von allen Geschöpfen, sowohl hinsichtlich dessen, was er benötigt, als auch dessen, worauf er verzichten kann. Dies ist die Vollendung der Würde der Gottesdiener und der Ehre der Gottesfürchtigen. Dadurch wird er stark, das Gute zu gebieten und das Verwerfliche zu verbieten. Alle Geschöpfe stehen für ihn hinsichtlich der Wahrheit auf derselben Stufe. Ist er so, führt Allah ihn zu Unabhängigkeit, Gewissheit und Vertrauen auf Ihn.

Neuntens: Er soll seine begehrlichen Erwartungen an die Menschen abschneiden und seine Seele nichts von dem begehren lassen, was sich in ihren Händen befindet. Darin liegen die größte Würde, reine Unabhängigkeit, gewaltige Herrschaft, erhabene Ehre, wahrhaftige Gewissheit und gesundes, heilendes Gottvertrauen. Es ist eines der Tore des Vertrauens auf Allah und eines der Tore des Verzichts. Dadurch erlangt er Gewissenhaftigkeit und vervollständigt seine Gottesverehrung. Es gehört zu den Kennzeichen derjenigen, die sich ganz Allah zugewandt haben.

Zehntens: Ist die Eigenschaft der Demut. Durch sie wird die Stellung des Gottesdieners gefestigt, sein Rang erhöht und seine Würde und Erhöhung bei Allah und den Geschöpfen vervollständigt. Er wird befähigt, das zu erreichen, was er für Diesseits und Jenseits sucht. Diese Eigenschaft ist Wurzel, Zweig und Vollendung aller Gehorsamshandlungen. Durch sie erreicht der Diener die Stufen der Rechtschaffenen, die mit Allah in Not und Wohlstand zufrieden sind. Sie ist die Vollendung der Gottesfurcht.

 

02. Tawakkul – Das Vertrauen auf Allah

„…Und verlasst euch auf Allah, wenn ihr gläubig seid.“ (Der edle Koran 5:23)

„…Und wer sich auf Allah verlässt, dem ist Er seine Genüge…“ (Der edle Koran 65:3)

Sahl ibn ʿAbdallāh sagte: „Die erste Stellung im Gottvertrauen ist, dass der Diener vor Allah wie der Tote vor dem Waschenden ist, der ihn wendet, wie er will. Er besitzt keine eigene Bewegung und Verfügung. Der auf Allah Vertrauende fragt nicht, will nicht, weist nicht zurück und hält nicht zurück.“ Er sagte auch: „Gottvertrauen ist das Sichüberlassen.“

Ḥamdūn sagte: „Es ist das Festhalten an Allah.“

Ibrāhīm al-Ḫawwāṣ sagte: „Das Wesen des Gottvertrauens ist, Furcht und Hoffnung gegenüber allem außer Allah aufzugeben.“

Es wurde gesagt: „Gottvertrauen ist, das Leben auf einen einzigen Tag zu begrenzen und die Sorge um morgen aufzugeben.“

Ibrāhīm al-Ḫawwāṣ habe gesagt: „Ich war auf dem Weg nach Mekka und sah eine wilde, fremdartige Gestalt. Ich ging zu ihr und fragte: ‚Bist du ein Dschinn oder ein Mensch?‘ Sie sagte: ‚Ein Dschinn.‘ Ich fragte: ‚Wohin gehst du?‘ Sie antwortete: ‚Nach Mekka.‘ Ich fragte: ‚Ohne Vorräte und Reittier?‘ Sie sagte: ‚Ja. Auch unter uns gibt es solche, die mit Gottvertrauen reisen.‘ Ich fragte sie: ‚Was ist Gottvertrauen?‘ Sie antwortete: ‚Von Allah zu empfangen.‘“

Al-Ǧunayd sagte: „Gottvertrauen ist, dich deinem Herrn vollständig zuzuwenden und dich von allem außer Ihm abzuwenden.“

Man fragte Ḥātim al-Aṣamm: „Worauf hast du dein Gottvertrauen gegründet?“ Er antwortete: „Auf vier Eigenschaften: Ich wusste, dass kein anderer meine Versorgung verzehrt, und beschäftige mich deshalb nicht besorgt mit ihr. Ich wusste, dass kein anderer mein Werk verrichtet, und beschäftige mich deshalb mit ihm. Ich wusste, dass der Tod plötzlich kommt, und komme ihm durch Vorbereitung zuvor. Und ich wusste, dass ich in jedem Zustand unter Allahs Blick stehe, und schäme mich deshalb vor Ihm.“

Von ʿUmar ibn al-Ḫaṭṭāb wurde überliefert, der Gesandte Allahs ﷺ habe gesagt: „Wenn ihr auf Allah vertrautet, wie es Ihm gebührt, würde Er euch versorgen, wie Er die Vögel versorgt: morgens ziehen sie hungrig aus und abends kehren sie satt zurück.“

 

03. Akhlāq-i ḥamīda - Lobenswerte Charaktereigenschaften aufweisen

„Und du besitzt wahrlich einen großartigen Charakter.“ (Der edle Koran 68:4)

Es wurde gesagt: „Allah hat Seinen Propheten und Gesandten Muḥammad ﷺ mit Wundern, Ehrungen und Vorzügen ausgezeichnet. Doch keine seiner Eigenschaften lobte Er so wie seinen Charakter, indem Er sagte: ‚Und du besitzt wahrlich einen großartigen Charakter.‘“

Es wurde gesagt: „Allah beschrieb ihn mit großartigem Charakter, weil er beide Welten freigebig aufgab und sich mit Allah begnügte.“

Von Anas ibn Mālik wurde überliefert, dass man fragte: „Gesandter Allahs, welcher Gläubige ist im Glauben am vorzüglichsten?“ Er ﷺ antwortete: „Derjenige mit dem besten Charakter.“

Es wurde gesagt: „Es bedeutet: Die Härte der Geschöpfe hat dich nicht beeinflusst, nachdem du den Wahren betrachtet hast.“

Abū Saʿīd al-Ḫarrāz sagte: „Es bedeutet, dass er kein anderes Streben als Allah besitzt.“

Der Prophet ﷺ sagte zu seinen Gefährten: „Ihr könnt nicht alle Menschen mit eurem Vermögen erreichen. Erreicht sie daher mit einem freundlichen Gesicht und gutem Charakter.“

Man fragte Ḏū n-Nūn al-Miṣrī: „Welcher Mensch hat die meisten Sorgen?“ Er antwortete: „Derjenige mit dem schlechtesten Charakter.“

Es wurde gesagt: „Guter Charakter bedeutet, die Härte der Geschöpfe und die Bestimmung des Wahren, die dich treffen, ohne Überdruss und Unruhe anzunehmen.“

Luqmān sagte zu seinem Sohn: „Mein Sohn, drei erkennst du erst bei dreien: den Nachsichtigen beim Zorn, den Mutigen im Krieg und den Bruder, wenn du ihn brauchst.“

 

04. Schukr - Dankbarkeit aufzeigen

„Wenn ihr dankbar seid, werde Ich euch gewiss mehr geben.“ (Der edle Koran 14:7)

Es wurde gesagt: „Dankbarkeit ist, die Gaben ihrem Herrn zuzuschreiben und sich dabei demütig Ihm gegenüber zu verhalten.“

Es wurde gesagt: „Der Dankende dankt für das Vorhandene; der besonders Dankbare dankt für das Fehlende.“

Aš-Šiblī sagte: „Dankbarkeit ist, den Geber zu sehen, nicht die Gabe.“

Abū ʿUṯmān sagte: „Die gewöhnlichen Menschen danken für Essen, Trinken und Kleidung; die besonders Befähigten danken für die Bedeutungen, die ihren Herzen zukommen.“ Allah sagte: „Und nur wenige Meiner Diener sind dankbar.“ (Der edle Koran 34:13)

Dāwūd sagte: „Mein Gott, wie kann ich Dir danken, wo doch mein Dank an Dich eine Deiner Gaben ist?“ Allah offenbarte ihm: „Jetzt hast du Mir gedankt.“

Es wurde gesagt: Als Idrīs die Vergebung verkündet wurde, bat er um weiteres Leben. Man fragte ihn: „Warum?“ Er antwortete: „Um Ihm zu danken. Zuvor habe ich um der Vergebung willen gehandelt.“ Da breitete der Engel seinen Flügel aus und trug ihn zum Himmel.

 

05. Sabr - Geduld und Standhaftigkeit aufzeigen

„Ihr, die ihr glaubt, seid geduldig, übertrefft einander an Standhaftigkeit, haltet euch bereit und fürchtet Allah, damit ihr erfolgreich seid.“ (Der edle Koran 3:200)

„Und sei geduldig; deine Geduld ist nur durch Allah möglich.“ (Der edle Koran16:127)

Von ʿĀʾiša wurde vom Propheten ﷺ überliefert, dass er sagte: „Die Geduld zeigt sich beim ersten Schlag.“

Al-Ǧunayd sagte: „Der Weg vom Diesseits zum Jenseits ist für den Gläubigen leicht. Die Geschöpfe um des Wahren willen zu verlassen ist schwer. Der Weg von der eigenen Seele zu Allah ist schwierig und schwer. Und die Geduld mit Allah ist noch schwerer.“ Man fragte ihn nach der Geduld. Er antwortete: „Bitterkeit hinunterzuschlucken, ohne das Gesicht zu verziehen.“

ʿAlī ibn Abī Ṭālib sagte: „Die Geduld verhält sich zum Glauben wie der Kopf zum Körper.“ Dies wurde auch dem Propheten ﷺ zugeschrieben.

Es wurde gesagt: „Geduld ist, der Prüfung mit gutem Verhalten zu begegnen.“

 

06. Riḍā – Die Zufriedenheit mit Allahs Bestimmung

„Allah ist mit ihnen zufrieden, und sie sind mit Ihm zufrieden.“ (Der edle Koran 5:119)

„Ihr Herr verkündet ihnen Barmherzigkeit von Ihm und Wohlgefallen …“ (Der edle Koran 9:21)

Von Ibn ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muṭṭalib wurde überliefert, der Gesandte Allahs ﷺ habe gesagt: „Den Geschmack des Glaubens hat derjenige gekostet, der mit Allah als Herrn zufrieden ist.“

Allah (SwT) sagte: „Vielleicht verabscheut ihr etwas, während es gut für euch ist, und vielleicht liebt ihr etwas, während es schlecht für euch ist. Allah weiß, und ihr wisst nicht.“ (Der edle Koran 2:216) Gemeint ist das, worin das Wohl eurer Religion und eures Diesseits liegt.

Wisse: Die Mühsal jedes Geschöpfes entspricht dem Maß seines Widerstreitens gegen das Vorherbestimmte. Wer mit der Bestimmung zufrieden ist, findet Ruhe. Wer nicht mit ihr zufrieden ist, dessen Leid und Mühsal dauern lange; dennoch erlangt er vom Diesseits nur, was ihm zugeteilt ist.

Die Scheiche sagten: „Die Zufriedenheit mit der Bestimmung ist das größte Tor Allahs und das Paradies des Diesseits.“ Das bedeutet: Wem Zufriedenheit geschenkt wird, dem wird mit größter Weite begegnet und die höchste Nähe gewährt.

Es wurde berichtet: Mūsā bat seinen Herrn: „Mein Gott, zeige mir eine Handlung, durch die Du mit mir zufrieden bist, wenn ich sie verrichte.“ Er sagte: „Das vermagst du nicht.“ Mūsā warf sich flehend nieder. Allah offenbarte ihm: „Sohn ʿImrāns, Mein Wohlgefallen liegt in deiner Zufriedenheit mit Meiner Bestimmung.“

Es wurde gesagt: „Wer die Stätte der Zufriedenheit erreichen möchte, soll sich an das halten, worin Allah Sein Wohlgefallen gelegt hat.“

Rābiʿa al-ʿAdawiyya wurde gefragt: „Wann ist der Diener mit der Bestimmung zufrieden?“ Sie antwortete: „Wenn er sich über das Unglück so freut, wie er sich über die Gabe freut.“

Al-Fuḍayl ibn ʿIyāḍ sagte zu Bišr al-Ḥāfī: „Zufriedenheit ist vorzüglicher als der Verzicht auf das Diesseits, denn der Zufriedene wünscht nichts über seine Stellung hinaus.“

Ebenso sagte Er zu unserem Propheten Muḥammad ﷺ: „Und richte deine Augen nicht auf das, womit Wir bestimmte Gruppen von ihnen ausgestattet haben: den Glanz des diesseitigen Lebens, um sie dadurch zu prüfen.“ (Der edle Koran 20:131) So erzog Er Seinen Propheten und befahl ihm, seinen Zustand zu bewahren und mit der Bestimmung und der Gabe zufrieden zu sein, durch Sein Wort: „Und die Versorgung deines Herrn ist besser und beständiger.“ (Der edle Koran 20:131)

Von einem der Gefährten wurde überliefert: „Ich hörte den Gesandten Allahs ﷺ sagen: ‚Wer seine Würde durch die Menschen sucht, wird erniedrigt.‘“

 

07. Ṣidq – Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit

„Ihr, die ihr glaubt, fürchtet Allah und seid mit den Wahrhaftigen.“ (Der edle Koran 9:119)

Es wurde gesagt, Allah habe dem Propheten Dawid offenbart: „Dawid, wer Mir in seinem Inneren gegenüber wahrhaftig ist, den bestätige Ich bei den Geschöpfen in seinem Äußeren als wahrhaftig.“

Wisse: Wahrhaftigkeit ist die tragende Säule dieser Angelegenheit. Durch sie wird sie vollständig und erhält ihre Ordnung. Ihre Stufe folgt unmittelbar auf die des Prophetentums. Darauf verweist Allahs Wort:

وَمَن يُطِعِ اللَّهَ وَالرَّسُولَ فَأُولَٰئِكَ مَعَ الَّذِينَ أَنْعَمَ اللَّهُ عَلَيْهِم مِّنَ النَّبِيِّينَ وَالصِّدِّيقِينَ وَالشُّهَدَاءِ وَالصَّالِحِينَ ۚ وَحَسُنَ أُولَٰئِكَ رَفِيقًا ‎﴿٦٩﴾‏

Wer Allah und dem Gesandten gehorcht, die werden mit denjenigen von den Propheten, den Wahrhaftigen, den Märtyrern und den Rechtschaffenen zusammen sein, denen Allah Gunst erwiesen hat. Welch gute Gefährten jene sind! (Der edle Koran 4:69)

Aṣ-ṣādiq ist die aus Wahrhaftigkeit abgeleitete Bezeichnung; aṣ-ṣiddīq ist die gesteigerte Form. Sie bezeichnet denjenigen, von dem die Wahrhaftigkeit wiederholt ausgeht, bis sie zu seiner Gewohnheit und Wesensart geworden ist und ihn beherrscht.

Wahrhaftigkeit ist die Übereinstimmung des Verborgenen und des Öffentlichen. Der Wahrhaftige ist derjenige, der in seinen Worten wahrhaftig ist. Der vollkommen Wahrhaftige ist in seinen Worten, sämtlichen Handlungen und Zuständen wahrhaftig.

Al-Ǧunayd sagte: „Der Wahrhaftige wandelt sich an einem Tag vierzigmal; der auf Außenwirkung Bedachte bleibt vierzig Jahre in einem einzigen Zustand.“

Es wurde gesagt: „Wahrhaftigkeit ist, an Orten des drohenden Untergangs die Wahrheit auszusprechen.“

Sahl ibn ʿAbdallāh sagte: „Kein Diener, der sich selbst oder anderen gegenüber beschönigend nachgibt, wird den Duft der Wahrhaftigkeit wahrnehmen.“

Abū Saʿīd al-Qurašī sagte: „Der Wahrhaftige ist derjenige, der bereit ist zu sterben und sich seines Inneren nicht schämen würde, wenn es aufgedeckt würde.“ Allah sagte: „Dann wünscht euch den Tod, wenn ihr wahrhaftig seid.“ (Der edle Koran 2:94)

Es wurde gesagt: „Wahrhaftigkeit ist die Richtigkeit des Tauḥīd verbunden mit der rechten Ausrichtung.“

Es wurde gesagt: „Das Wesen der Wahrhaftigkeit ist, die Wahrheit an einem Ort zu sprechen, an dem dich nur die Lüge retten könnte.“

Ḏū n-Nūn sagte: „Wahrhaftigkeit ist Allahs Schwert auf Seiner Erde. Worauf es auch gelegt wird, es durchtrennt es.“

Fatḥ al-Mawṣilī wurde nach der Wahrhaftigkeit gefragt. Da steckte er seine Hand in die Esse des Schmieds, nahm das feurig glühende Eisen heraus und legte es auf seine Handfläche, bis es abgekühlt war. Er sagte: „Dies ist Wahrhaftigkeit.“

Einer sagte: „Wer die dauernde Pflicht nicht erfüllt, von dem wird die zeitlich bestimmte Pflicht nicht angenommen.“ Man fragte: „Was ist die dauernde Pflicht?“ Er antwortete: „Die Wahrhaftigkeit.“

Es wurde auch gesagt: „Wenn du Allah mit Wahrhaftigkeit suchst, gibt Er dir einen Spiegel, indem du alles von den Wundern des Diesseits und Jenseits betrachten kannst.“

Das war zusammengefast, die spirituelle Erziehung im Qādiriyya Orden gewesen


Furkan bin Abdullah
Sontra den 03.05.1448 / 14.10.2026

 

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