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01.09.2026 7

EINE ZEITUNG NAMENS „EL DSCHIHAD“ IM DEUTSCHEN KAISSERREICH – FURKAN BIN ABDULLAH

EINE ZEITUNG NAMENS „EL DSCHIHAD“ IM DEUTSCHEN KAISSERREICH – FURKAN BIN ABDULLAH

EINE ZEITUNG NAMENS „EL DSCHIHAD“ IM DEUTSCHEN KAISSERREICH – FURKAN BIN ABDULLAH

 

„El Dschihad“ war eine während des Ersten Weltkriegs in Berlin herausgegebene Zeitung. Ihr vollständiger Untertitel lautete: „Zeitung für die muhammedanischen Kriegsgefangenen“

Sie war allerdings keine unabhängige muslimische Zeitung. Vielmehr handelte es sich um ein staatlich kontrolliertes Propagandablatt des Deutschen Kaiserreichs, das sich gezielt an muslimische Kriegsgefangene richtete.

Der historische Hintergrund

Im Ersten Weltkrieg kämpfte das Deutsche Kaiserreich gemeinsam mit dem Osmanischen Reichskalifat gegen Großbritannien, Frankreich und Russland. In den Armeen dieser Gegner dienten zahlreiche muslimische Soldaten:

  • Nord- und Westafrikaner in der französischen Armee, 
  • Inder in der britischen Armee, 
  • Tataren und andere Muslime in der russischen Armee. 

Gefangene muslimische Soldaten wurden teilweise im Halbmondlager in Wünsdorf und im benachbarten Weinberglager bei Zossen zusammengebracht. Die deutsche Führung hoffte, sie politisch und religiös beeinflussen und möglicherweise für den Kampf gegen ihre bisherigen Kolonialmächte gewinnen zu können. 

Die Zeitung war somit Teil derselben Politik, zu der auch der Bau der Moschee im Halbmondlager gehörte. Diese wurde allerdings erst im Juli 1915 eröffnet, während die Zeitung „El Dschihad“ bereits einige Monate zuvor erschien.

Gründung und Herausgeber

Die Idee entstand Anfang 1915 in der Nachrichtenstelle für den Orient in Berlin. Diese Einrichtung war im November 1914 im Umfeld des Auswärtigen Amtes und der militärischen Führung gegründet worden, um deutsche Propaganda im Nahen Osten, in Nordafrika und unter muslimischen Kriegsgefangenen zu betreiben.

Als wichtige Initiatoren gelten:

  • Max Freiherr von Oppenheim, deutscher Diplomat, Archäologe und Orientkenner, 
  • Scheich Ṣāliḥ aš-Šarīf at-Tūnisī, ein tunesischer Gelehrter und Gegner der französischen Kolonialherrschaft. 

Das Kriegsministerium stimmte dem Projekt am 19. Januar 1915 zu; der Stellvertretende Generalstab genehmigte die Herausgabe am 2. Februar. Jede Nummer sollte vor dem Druck vom Auswärtigen Amt und von der militärischen Führung kontrolliert werden. Damit unterlag die Zeitung einer direkten staatlichen Zensur. 

Wann erschien die erste Ausgabe?

In der Literatur finden sich zwei Angaben: gelegentlich wird der 1. März 1915 genannt, die quellennahe Forschung von Gerhard Höpp und Samuel Krug nennt jedoch den 5. März 1915. Die erste Ausgabe erschien demnach in:

  • Arabisch,
  • Turkotatarisch,
  • Russisch.

Später kamen weitere Sprachfassungen beziehungsweise verwandte Lagerzeitungen hinzu. Für südasiatische Gefangene erschienen Hindi- und Urdu-Ausgaben unter dem neutraleren Titel „Hindostan“, weil unter den indischen Gefangenen auch Hindus und Sikhs waren. Eine georgische Fassung wurde unter dem Titel „Kaukasien“ herausgegeben. Die arabische Ausgabe gilt wahrscheinlich als die erste dauerhaft nachweisbare arabischsprachige Zeitung, die in Deutschland gegründet wurde. 

Inhalt der Zeitung

„El Dschihad“ enthielt eine Mischung aus:

  • Berichten über den Kriegsverlauf, 
  • Leitartikeln muslimischer und orientalischer Mitarbeiter, 
  • Predigten und Ansprachen aus den Lagern, 
  • Berichten über muslimische Länder, 
  • ausgewählten Meldungen aus Konstantinopel, 
  • antikolonialen Beiträgen gegen Großbritannien, Frankreich und Russland, 
  • Bekanntmachungen aus dem Lager, 
  • Darstellungen Deutschlands und des Osmanischen Reiches als Freunde der Muslime. 

Die Botschaft lautete im Kern: Die muslimischen Soldaten seien nicht die eigentlichen Feinde Deutschlands. Sie seien von den Kolonialmächten gezwungen worden, gegen Deutschland und das mit ihm verbündete Osmanische Reich zu kämpfen.

Bemerkenswert ist, dass die Artikel nicht ständig ausdrücklich über den Dschihad sprachen. Nach einer frühen Ausgabe vom April 1915 trat der Begriff im eigentlichen Inhalt offenbar nur noch selten hervor. Die Propaganda sollte nicht zu offensichtlich wirken, damit die Gefangenen dem Blatt nicht grundsätzlich misstrauten. 

Muslimische Autoren und deutsche Kontrolle

An der Zeitung arbeiteten nicht nur deutsche Orientalisten, sondern auch muslimische Gelehrte, Journalisten und politische Aktivisten mit. Dazu gehörten unter anderem:

  • Ṣāliḥ aš-Šarīf at-Tūnisī, 
  • der tunesische Gelehrte Muḥammad al-Ḫiḍr Ḥusain, 
  • der ägyptische Publizist ʿAbd al-ʿAzīz Ğāwīš, 
  • der algerische Offizier Rabāḥ Būkabūya, 
  • Maʾmūn Abū l-Faḍl, 
  • der tatarische Gelehrte und Reisende ʿAbd ar-Rašīd Ibrāhīm. 

Die Kriegsberichte wurden jedoch überwiegend von deutschen Redakteuren verfasst und anschließend übersetzt. Wie groß der tatsächliche inhaltliche Einfluss der muslimischen Mitarbeiter war, lässt sich heute nicht bei allen Ausgaben eindeutig feststellen. 

Auflage und Verbreitung

„El Dschihad“ und die verwandten Kriegsgefangenenzeitungen hatten anfangs zusammen eine Auflage von ungefähr 15.000 Exemplaren. Im Oktober 1915 wurde die Gesamtauflage auf etwa 8.200 Exemplare reduziert. Für diesen Zeitpunkt werden ungefähr 1.000 arabische, 1.000 russische und 3.500 tatarische Exemplare angegeben; der Rest entfiel auf andere Lagerzeitungen und Sprachfassungen. 

Die Zeitung war hauptsächlich für die Gefangenenlager bestimmt. Eine Verteilung an der Front wurde ausdrücklich abgelehnt, vermutlich weil man fürchtete, dass das Blatt in die Hände der Entente gelangen und dort für Gegenpropaganda benutzt werden könnte.

War die Zeitung erfolgreich?

Der Erfolg war begrenzt. Einige Gefangene ließen sich tatsächlich für Einsätze oder Dienste auf Seiten der Mittelmächte anwerben. Von einer großen muslimischen Erhebung gegen die britische, französische oder russische Herrschaft kann jedoch nicht gesprochen werden.

Viele Gefangene erkannten vermutlich den propagandistischen Charakter der Behandlung. Auch die religiösen Zugeständnisse – Moschee, besondere Essensregeln, Imame und Zeitung – standen sichtbar im Zusammenhang mit den deutschen Kriegszielen.

Man sollte dennoch nicht übersehen, dass muslimische Autoren eigene Interessen verfolgten. Viele von ihnen waren wirkliche Gegner der europäischen Kolonialherrschaft. Für sie bot Berlin eine Möglichkeit, für die Unabhängigkeit Tunesiens, Algeriens, Ägyptens oder anderer muslimischer Länder einzutreten. „El Dschihad“ war deshalb sowohl ein Instrument deutscher Machtpolitik als auch zeitweise eine Bühne muslimischer antikolonialer Stimmen.

Das Ende

Die verschiedenen Ausgaben erschienen unterschiedlich lange. Die russische Fassung wurde wahrscheinlich bereits Anfang 1917 eingestellt. Die tatarische Ausgabe lässt sich mindestens bis Juli 1918 nachweisen; insgesamt dürfte sie über 90 Nummern erreicht haben. Noch im Oktober 1918 überlegte das Auswärtige Amt, den Namen „El Dschihad“ zu ändern. Durch die deutsche Niederlage und das Kriegsende im November 1918 erledigten sich diese Pläne. 

Historische Bedeutung

„El Dschihad“ ist heute aus drei Gründen bemerkenswert:

  1. Sie gehört zu den frühesten arabisch-islamischen Presseerzeugnissen Deutschlands. 
  2. Sie dokumentiert die besondere Verbindung zwischen dem Deutschen und dem Osmanischen Reich im Ersten Weltkrieg. 
  3. Sie zeigt, wie das Kaiserreich Religion, Antikolonialismus und muslimische Solidarität gezielt für seine Kriegsstrategie einsetzen wollte. 

Die Zeitung gehört unmittelbar zur Geschichte des Halbmondlagers und der 1915 errichteten Wünsdorfer Moschee. Sie war keine gewöhnliche Lagerzeitung, sondern das zentrale gedruckte Propagandamittel eines umfassenden politischen Experiments.


Furkan bin Abdullah
Potsdam den 18.03.1448 / 31.08.2026

 

 

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